Müdes Kind kuschelt sich mit der Mutter auf das Sofa

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Daumenlutschen, Mundatmung, Zungenpressen: Was das für die Zähne bedeutet

Daumenlutschen, Mundatmung und Zungenpressen können die Entwicklung von Zähnen und Kiefer beeinflussen. Wir erklären, worauf Eltern achten können und wer bei Bedarf hilft.

Von Roger Ohlhäuser, Fachzahnarzt für Kieferorthopädie · Stand: Oktober 2026 · ca. 7 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Lutschgewohnheiten sind im Kleinkindalter normal; viele Zahnärztinnen und Zahnärzte empfehlen, sie etwa bis zum dritten Geburtstag abzugewöhnen.
  • Daumenlutscher zeigen häufiger einen offenen Biss und vorstehende obere Schneidezähne.
  • Dauerhafte Mundatmung und eine offene Mundhaltung werden mit einem schmalen Oberkiefer und einem offenen Biss in Verbindung gebracht.
  • Bei Zungen- und Lippenfehlfunktionen kann eine myofunktionelle Therapie bei Logopädinnen und Logopäden sinnvoll sein – oft in Abstimmung mit Kieferorthopädie und HNO.
  • Sanfte Begleitung, Geduld und Lob helfen Kindern beim Abgewöhnen meist mehr als Druck.

Daumenlutschen: Welche Folgen für die Zähne sind möglich?

Kurz gesagt: In den ersten Lebensjahren gilt Daumenlutschen als unbedenklich, wenn es mit der Zeit nachlässt. Hält die Gewohnheit über das dritte Lebensjahr hinaus an, steigt das Risiko für Folgen an den Zähnen, etwa einen offenen Biss oder vorstehende obere Schneidezähne. Ob eine Behandlung nötig ist, klärt eine kieferorthopädische Untersuchung.

Daumenlutschen gehört für viele Babys und Kleinkinder ganz natürlich dazu – es beruhigt und hilft beim Einschlafen. Eltern fragen sich aber oft, welche Folgen Daumenlutschen für die Zähne haben kann. Die gute Nachricht: In den ersten Lebensjahren ist das Lutschen unbedenklich, wenn es mit der Zeit nachlässt.

Bleibt die Gewohnheit länger bestehen, kann sie die Entwicklung von Zähnen und Kiefer beeinflussen. Fachliteratur beschreibt, dass Daumenlutscher häufiger einen frontal offenen Biss zeigen – die Schneidezähne berühren sich beim Zubeißen nicht – und eine vergrößerte Stufe zwischen oberen und unteren Frontzähnen, also vorstehende obere Schneidezähne.

Viele Zahnärztinnen und Zahnärzte empfehlen, Lutschgewohnheiten etwa bis zum dritten Geburtstag abzugewöhnen. Ob sich eine Fehlstellung danach von selbst zurückbildet, hängt vom Einzelfall ab. Für den Schnuller gilt dasselbe wie für den Daumen; der Daumen ist allerdings immer verfügbar, was das Abgewöhnen oft schwieriger macht.

Was steckt hinter Mundatmung und offener Mundhaltung?

Normalerweise atmen wir in Ruhe durch die Nase, die Lippen sind geschlossen und die Zunge liegt am Gaumen. Atmet ein Kind dauerhaft durch den Mund, verändert sich dieses Gleichgewicht: Der Mund steht offen, die Zunge liegt tiefer und übt weniger Druck auf den Oberkiefer aus.

Der offenen Mundhaltung wird in der zahnärztlichen Fachliteratur ein nachteiliger Einfluss auf die Gebissentwicklung zugeschrieben. Beobachtet werden besonders häufig ein schmaler, in der Breite unterentwickelter Oberkiefer, eine veränderte Frontzahnstufe sowie ein offener Biss. Zudem nimmt die offene Mundhaltung vom Milch- zum Wechselgebiss eher zu als ab.

Die Ursachen für Mundatmung sind unterschiedlich. Manchmal ist es eine reine Gewohnheit, manchmal ist die Nasenatmung behindert, etwa durch vergrößerte Rachenmandeln oder häufige Infekte. Deshalb ist bei Mundatmung oft auch eine Abklärung durch die Kinder- oder HNO-Arztpraxis sinnvoll. Fällt uns bei der Untersuchung eine überwiegende Mundatmung auf, sprechen wir das an und empfehlen bei Bedarf eine Abklärung in der Kinder- oder HNO-Arztpraxis.

Gut zu wissen Laut den Kassenrichtlinien soll bei Verdacht auf einen Zusammenhang zwischen Kieferfehlstellung und HNO-Befunden eine Fachärztin oder ein Facharzt des jeweiligen Gebiets hinzugezogen werden.

Praxis-Tipp von Roger Ohlhäuser Achten Sie einige Tage lang darauf, ob Ihr Kind beim Spielen, Fernsehen oder im Schlaf den Mund offen hat. Notieren Sie Ihre Beobachtungen und bringen Sie sie zum Termin mit – das erleichtert die Einschätzung.

Zungenpressen: Wenn die Zunge gegen die Zähne drückt

Beim Schlucken legt sich die Zunge normalerweise oben an den Gaumen – und wir schlucken den ganzen Tag über immer wieder. Bei manchen Kindern schiebt sich die Zunge stattdessen nach vorn gegen oder zwischen die Schneidezähne. Man spricht dann von Zungenpressen oder einem falschen Schluckmuster.

Dieser ständige leichte Druck kann einen offenen Biss begünstigen oder aufrechterhalten. Häufig zeigt sich das Zungenpressen auch beim Sprechen, etwa wenn die Zunge bei S-Lauten zwischen den Zähnen sichtbar wird. Oft tritt es zusammen mit Mundatmung oder einer früheren Lutschgewohnheit auf.

Wichtig ist: Zähne, Zunge, Lippen und Atmung beeinflussen sich gegenseitig. Eine Zahnspange allein kann eine Fehlfunktion der Muskulatur nicht beheben. Deshalb lohnt es sich, Funktion und Zahnstellung gemeinsam zu betrachten – so gehen wir auch in unserer Praxis in Dossenheim vor.

Gewohnheiten und mögliche Folgen im Überblick

GewohnheitMögliche AuswirkungenWer kann helfen?
Daumen- oder Schnullerlutschen über das 3. Lebensjahr hinausFrontal offener Biss, vorstehende obere SchneidezähneEltern (Abgewöhnen), Zahnarztpraxis, Kieferorthopädie
Dauerhafte Mundatmung, offene MundhaltungSchmaler Oberkiefer, veränderte Frontzahnstufe, offener BissKinder- bzw. HNO-Arztpraxis, Kieferorthopädie, ggf. Logopädie
Zungenpressen, falsches SchluckmusterOffener Biss, Auffälligkeiten beim SprechenLogopädie (myofunktionelle Therapie), Kieferorthopädie

Die Tabelle zeigt typische Zusammenhänge. Nicht jedes Kind mit einer dieser Gewohnheiten entwickelt eine Fehlstellung – und nicht jede Fehlstellung braucht eine Behandlung. Bei uns folgt auf die Untersuchung eine Befundbesprechung, in der wir mit Ihnen klären, ob derzeit Handlungsbedarf besteht oder ob wir die Entwicklung zunächst bei Kontrollterminen beobachten.

Offener Biss: Einstufung nach KIG (vertikale Stufe)
  • O1 – keine Kassenleistung0–1 mm
  • O2 – keine Kassenleistung1–2 mm
  • O3 – Kassenleistung2–4 mm

Ab mehr als 4 mm: O4 (gewohnheitsbedingt offen) bzw. O5 (skelettal offen). Messung und Einstufung erfolgen in der Praxis.

Quelle: G-BA – KFO-Richtlinien, Anlage 1 (KIG)

Myofunktionelle Therapie: Zusammenarbeit von Logopädie, HNO und Kieferorthopädie

Die myofunktionelle Therapie (MFT) ist ein Übungskonzept, das Zungen-, Lippen- und Wangenmuskulatur trainiert. Ziel ist ein normales Schluckmuster, eine entspannte Ruhelage der Zunge am Gaumen und ein möglichst dauerhafter Lippenschluss. Die Therapie wird meist von Logopädinnen und Logopäden durchgeführt und erstreckt sich in der Regel über mehrere Monate.

Die MFT findet oft in Abstimmung mit der Kieferorthopädie und der HNO-Heilkunde statt. Die Kieferorthopädie beurteilt Zahnstellung und Kieferentwicklung, die HNO-Praxis klärt mögliche Hindernisse bei der Nasenatmung, und die Logopädie trainiert die Muskelfunktion. Mit Ihrem Einverständnis stimmen wir uns bei Bedarf mit der logopädischen oder HNO-Praxis Ihres Kindes ab, etwa über Befunde und den zeitlichen Ablauf.

Liegt bereits eine ausgeprägte Fehlstellung vor, kann eine kieferorthopädische Frühbehandlung infrage kommen. Die Richtlinien der gesetzlichen Krankenkassen nennen die Beseitigung von Lutschgewohnheiten bei einem ausgeprägten, gewohnheitsbedingt offenen Biss ausdrücklich als mögliche Ausnahme für eine Frühbehandlung. Sie soll nicht vor dem 4. Lebensjahr beginnen. Ob und welches Gerät infrage kommt, besprechen wir nach der Untersuchung mit Ihnen. Je nach Befund werden dabei häufig herausnehmbare Zahnspangen eingesetzt. Worin sich lose und feste Geräte unterscheiden, lesen Sie im Ratgeber Feste oder lose Zahnspange?.

Frühbehandlung: Indikation und tatsächliche Versorgung
  • Indikation für Frühbehandlung (8- bis 9-Jährige, DMS 6)16,4 %
  • Tatsächlich frühbehandelt (Abrechnungsdaten 2020)7,8 %

Zwei unterschiedliche Datengrundlagen; die Werte zeigen eine Größenordnung, keine exakte Gegenüberstellung.

Quelle: DMS 6 und GKV-Abrechnungsdaten, via zm-online, 2022

Sanfte Tipps: Wie Eltern beim Abgewöhnen unterstützen können

Lutschen ist für Kinder ein Weg, sich zu trösten. Druck, Schimpfen oder Bloßstellen verstärken eher die Unsicherheit. Bewährt haben sich kleine Schritte, Geduld und viel Lob. Diese Anregungen können helfen:

1

Beobachten statt schimpfen

Achten Sie darauf, wann Ihr Kind lutscht – beim Einschlafen, bei Langeweile, beim Fernsehen oder bei Müdigkeit. So erkennen Sie, wo Sie ansetzen können.

2

Gemeinsam ein Ziel setzen

Sprechen Sie in ruhigen Momenten kindgerecht darüber, warum der Daumen Pause machen darf. Bilderbücher zum Thema können den Einstieg erleichtern.

3

Ersatz anbieten

Ein Kuscheltier, ein Tuch oder ein Ritual mit Vorlesen kann beim Einschlafen Trost geben. Bei Langeweile helfen beschäftigte Hände, etwa beim Malen oder Kneten.

4

Schnuller schrittweise reduzieren

Begrenzen Sie den Schnuller zunächst auf das Einschlafen und lassen Sie ihn tagsüber weg. Manche Familien verabschieden den Schnuller mit einem kleinen Ritual.

5

Erfolge sichtbar machen

Ein Sticker-Kalender für lutschfreie Tage oder Nächte motiviert viele Kinder. Loben Sie auch kleine Fortschritte.

6

Nasenatmung im Blick behalten

Fällt Ihnen auf, dass Ihr Kind meist mit offenem Mund atmet oder nachts schnarcht, sprechen Sie mit Ihrer Kinderarztpraxis. Eine freie Nase ist die Grundlage für einen geschlossenen Mund.

7

Fachlich abklären lassen

Hält die Gewohnheit über das dritte Lebensjahr hinaus an oder sehen Sie Veränderungen an den Zähnen, lassen Sie den Biss kieferorthopädisch untersuchen.

Praxis-Tipp von Roger Ohlhäuser Wählen Sie für das Abgewöhnen möglichst eine ruhige Phase – nicht gerade während eines Umzugs, der Kita-Eingewöhnung oder einer Erkrankung. Sind Sie unsicher, ob sich am Biss bereits etwas verändert hat, können Sie jederzeit einen Untersuchungstermin vereinbaren.

Rückfälle in Stressphasen sind normal und kein Grund zur Sorge. Wichtig ist der allgemeine Trend. Weitere Antworten zu Kinderzähnen finden Sie in unseren häufigen Fragen.

Wann zum Kieferorthopäden – und wo in der Region?

Unsere Praxis empfiehlt eine erste kieferorthopädische Untersuchung im Alter von 6 bis 7 Jahren. Warum dieser Zeitpunkt sinnvoll ist, erklärt unser Ratgeber Ab wann zum Kieferorthopäden?. Bei auffälligen Gewohnheiten, einem offenen Biss oder dauerhafter Mundatmung ist auch ein früherer Termin sinnvoll. Wir beurteilen dann nicht nur die Zähne, sondern auch Lippenschluss, Zungenlage und Schluckmuster.

Die Facharztpraxis für Kieferorthopädie Roger Ohlhäuser befindet sich im Gesundheitszentrum Vitalis Bergstraße in Dossenheim, direkt an der Grenze zu Heidelberg-Handschuhsheim. Mit den RNV-Linien 5 und 21 erreichen Sie die Haltestelle Dossenheim Süd, rund 100 Meter von der Praxis entfernt. Auch aus Schriesheim, Ladenburg oder Heidelberg ist die Praxis gut erreichbar.

Häufige Fragen

Ab wann schadet Daumenlutschen den Zähnen?

Im Säuglings- und Kleinkindalter ist Lutschen normal. Viele Zahnärztinnen und Zahnärzte empfehlen, die Gewohnheit etwa bis zum dritten Geburtstag abzugewöhnen, da danach das Risiko für bleibende Veränderungen wie einen offenen Biss steigt. Ob sich eine Fehlstellung zurückbildet, hängt vom Einzelfall ab.

Macht ein Schnuller schiefe Zähne?

Ein Schnuller kann bei langer und häufiger Nutzung ähnliche Veränderungen begünstigen wie das Daumenlutschen, etwa einen offenen Biss. Es hilft, ihn schrittweise auf das Einschlafen zu begrenzen und dann ganz abzugewöhnen.

Welche Folgen kann Mundatmung bei Kindern haben?

Dauerhafte Mundatmung und eine offene Mundhaltung werden in der Fachliteratur mit einem schmalen Oberkiefer, einer veränderten Frontzahnstufe und einem offenen Biss in Verbindung gebracht. Die Ursache sollte geklärt werden, gegebenenfalls auch in der Kinder- oder HNO-Arztpraxis.

Was ist ein offener Biss?

Bei einem offenen Biss berühren sich die Schneidezähne beim Zubeißen nicht, es bleibt eine Lücke. Er kann durch Lutschgewohnheiten oder Zungenpressen entstehen oder bestehen bleiben, aber auch andere, etwa skelettale Ursachen haben.

Hilft eine lose Zahnspange beim Abgewöhnen?

Eine Zahnspange ersetzt das Abgewöhnen nicht, sondern kann bei einem ausgeprägten Befund Teil einer Frühbehandlung sein. Ob ein herausnehmbares Gerät sinnvoll ist, entscheiden wir nach der Untersuchung gemeinsam mit Ihnen.

Was ist eine myofunktionelle Therapie?

Die myofunktionelle Therapie ist ein Übungsprogramm für Zunge, Lippen und Wangen, das ein normales Schluckmuster und eine richtige Zungenruhelage fördern soll. Sie wird meist von Logopädinnen und Logopäden über mehrere Monate durchgeführt, oft in Abstimmung mit Kieferorthopädie und HNO.

Roger Ohlhäuser, Fachzahnarzt für Kieferorthopädie

Über den Autor

Roger Ohlhäuser ist Fachzahnarzt für Kieferorthopädie und leitet die Facharztpraxis im Gesundheitszentrum Vitalis Bergstraße in Dossenheim bei Heidelberg. Seit seiner Approbation 1998 hat er mehr als 230 Fortbildungen besucht; er ist Mitglied der DGAO und der World Federation of Orthodontists. Mehr zu Fortbildung & Qualifikation

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Sie sind unsicher, ob die Gewohnheiten Ihres Kindes Spuren an Zähnen oder Kiefer hinterlassen? Wir sehen uns Biss und Mundfunktion in Ruhe an – vereinbaren Sie einen Termin über unsere Kontaktseite.

Roger Ohlhäuser – Facharzt für Kieferorthopädie in Heidelberg & Dossenheim
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